Zwischen Mut und Wirklichkeit
- Silvia Meck

- 22. Jan.
- 8 Min. Lesezeit
Ein persönlicher Rückblick und Reflexion auf die Tagung zum Modell 365 Grad des Pfalzklinikums.

Als ich an diesem Tag die Tagung betrat, spürte ich sofort diese Spannung: Auf der einen Seite die Erwartungen, die mit einem innovativen Projekt wie dem Pfalzklinikum-Modell 365 Grad verbunden sind; auf der anderen Seite die Realität, die täglich zwischen Systemlogik, Ressourcenbegrenzungen und menschlichen Bedürfnissen navigieren muss.
Gleichzeitig trage ich eine persönliche Enttäuschung mit in diesen Blick. Nicht als Abrechnung, sondern als menschliche Erfahrung: darüber, wie mit persönlichen Brüchen, Überforderung und Übergängen umgegangen wird, wenn Rollen sich verändern und Zugehörigkeit neu verhandelt wird.
Es waren tiefgreifende persönliche Verluste in meinem Leben in relativ kurzer Zeit – eine Dichte und Intensität, die viele andere Menschen wahrscheinlich nicht überlebt hätten. Für mich selbst bedeutete dies Momente, in denen ein endgültiges Loslassen besonders schwer fiel und meine Arbeitsfähigkeit stark beeinträchtigt wurde. Eine Intensität in so kurzer Zeit, die andere oft sprachlos zurücklässt, weil Extreme kaum in Worte zu fassen sind. Sie lassen sich weder vollständig begreifen noch vom Gegenüber wirklich realisieren, ohne dass dieser sich selbst in emotionale Gefahr begibt, auch nicht mit der richtigen Haltung. So tun sich Grenzen auf, Verständnis findet ein Ende, während das Leben einfach weitergeht, mit oder ohne einen selbst.
Diese Erfahrungen prägen, wie ich auf das Projekt meines eigenen Arbeitgebers blicke, ohne dass sie das Projekt selbst in Frage stellen. Damals wie heute bleibt für mich das Gefühl, dass weniger über das gesprochen wurde, was nicht mehr passte, als darüber, wo ich nun verortet werde. Sie steht in einem Spannungsfeld zu den fachlich verhandelten Haltungen: Offenheit, Dialog, Beteiligung, Verantwortung teilen. Gerade an den Rändern eines Systems – dort, wo Menschen nicht mehr reibungslos funktionieren – zeigt sich, wie tragfähig diese Haltungen im Alltag wirklich sind. Aus meiner Sicht habe ich mein Möglichstes getan innerhalb dessen, was mir in dieser Zeit möglich war. Dass das nicht dem entsprach, was von mir erwartet wurde, ist eine Spannung, die bis heute nachwirkt.
Für mich als Genesungsbegleiterin EX-IN war dieser Blick daher von außen und innen zugleich an dieser Tagung besonders intensiv:
Ich kenne die Hoffnungen, die Projekte in Menschen wecken, und auch die Stolpersteine, die manchmal unsichtbar bleiben und wie entscheidend Haltung, Ressourcen und klare Strukturen im Projektalltag sind.
Die Tagung begann mit einem Überblick über die neuen Rahmenbedingungen der Eingliederungshilfe, die seit Mai 2024 gelten. §132 SGB IX eröffnet die Möglichkeit, Leistungserbringung nicht länger strikt nach Fachleistungsstunden zu steuern, sondern Qualität, Wirkung und Selbstbestimmung in den Vordergrund zu stellen. In der Praxis bedeutet dies: Die Frage „Was braucht die Person?“ steht vor der Frage „Wie viele Stunden sind geplant?“. Dieser Perspektivwechsel, so einfach er klingt, erfordert Mut und Haltung – sowohl von Organisationen als auch von den Fachkräften selbst.
Die Herausforderung besteht darin, die Möglichkeiten von §132 SGB IX tatsächlich im Alltag zu nutzen – etwa wenn Entscheidungsspielräume für Bewohner:innen wachsen oder Budgetfragen flexibler gehandhabt werden können.
Als jemand, der auch politisch denkt, sehe ich hier eine doppelte Verantwortung. Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Mut und Vielfalt nicht vom Engagement Einzelner abhängen, sondern strukturell getragen werden. §132 SGB IX kann dafür ein Türöffner sein – wenn Finanzierung, Zuständigkeiten und Qualitätssicherung so zusammenwirken, dass Innovation nicht zur Ausnahme, sondern zur Regel wird.
Das Modell 365 Grad ist dabei bewusst offen angelegt: Es zielt darauf ab, Menschen kontinuierlich zu begleiten, ihre Wünsche ernst zu nehmen und gleichzeitig Verantwortung nicht einfach zu delegieren. Es geht nicht um radikal neue Methoden, sondern um die geschickte Neukombination bewährter Ansätze. Das Dimensionen-Coaching im Projekt erinnert stark an die Persönliche Zukunftsplanung nach Stefan Dose und Susanne Göbel: ein personenzentrierter Ansatz, der Ressourcen, Wünsche und Ziele systematisch erfasst, ohne Lösungen vorzugeben. Der entscheidende Unterschied liegt in der Umsetzung im Alltag, in der Integration mit Netzwerkkarten, Peer-Begleitung, Offenem Dialog und NuEva (Nutzer:innen Evaluieren Verläufe und Assistenzleistungen), mit dem Kerngedanken, Menschen mit eigener Erfahrung (Peers) bewerten die Qualität von Assistenz‑ und Betreuungsangeboten aus ihrer Sicht, nicht aus der Sicht der Fachkräfte. Das sorgt dafür, dass die Ergebnisse realitätsnah, partizipativ und nachvollziehbar sind.– alles Elemente, die einzeln bekannt sind, im Modell 365 Grad aber zusammenwirken.
In der Praxis zeigte sich besonders, wie das Modell 365 Grad keine fertige Blaupause vorgibt, sondern einen Rahmen schafft, innerhalb dessen Haltung, Verantwortung und Selbstbestimmung erprobt werden können.
Damit diese Schritte gelingen, ist es entscheidend, dass Führungskräfte klare Rahmen setzen, Rückhalt geben und Experimente innerhalb der Strukturen ermöglichen.
Die Haltung der Beteiligten lässt sich nicht einfach vorgeben oder schulen; sie entsteht durch Erfahrung, Austausch und die Bereitschaft, Fehler einzugestehen und daraus zu lernen. Die Umsetzung von Partizipation ist ein fortlaufender Lernprozess – nicht jedes Beteiligungsformat funktioniert sofort, nicht jede Idee lässt sich ohne Anpassung realisieren. Manchmal bedeutet das, dass geplante Angebote verschoben werden müssen oder Ideen angepasst werden, weil Strukturen, Ressourcen oder unvorhergesehene Umstände dazwischenkommen.
Gerade diese Momente des Scheiterns und der Unsicherheit machen sichtbar, dass Mut, Ambiguitätstoleranz und Reflexionsbereitschaft zentrale Ressourcen sind.
Die Einbindung von der neuen Berufsgruppe Genesungsbegleiter:innen EX-IN und deren Haltung und Prinzipien ist dabei keine symbolische Geste, sondern eine bewusste Entscheidung, die Praxis auf Augenhöhe zu gestalten. Menschen mit eigener Erfahrung bringen Perspektiven ein, die fachliche Sichtweisen ergänzen, Machtverhältnisse hinterfragen und Entscheidungsprozesse verändern. Für alle Beteiligten entsteht daraus ein Raum, in dem Verantwortung geteilt wird und Entscheidungen gemeinsam getroffen werden, statt sie hierarchisch zu delegieren.
„Naiv und mutig“ zu sein, bedeutet in diesem Kontext nicht Unwissenheit, sondern die Bereitschaft, bekannte Strukturen zu hinterfragen, Experimente zu wagen und neue Wege auszuprobieren. Es heißt, Altes loslassen zu können, ohne den Bezug zur Realität zu verlieren, und gleichzeitig den Mut zu haben, die eigenen Ideen auszuprobieren, begleitet von kontinuierlicher Reflexion. In der Kombination aus Rahmen, Haltung und partizipativer Begleitung entstehen kleine, aber bedeutende Veränderungen, die zeigen, wie Selbstbestimmung und Teilhabe im Alltag erfahrbar werden können.
Die Präsentationen zeigten eindrücklich, wie sich Theorie und Praxis verbinden: Menschen in den Wohnstätten treffen Entscheidungen über den Tagesablauf, kochen gemeinsam, gestalten ihr Umfeld mit, und zwei Bewohnerinnen wagen den Schritt in die eigene Wohnung – begleitet, aber selbstbestimmt. Als Beobachterin spürt man: Diese scheinbar kleinen Schritte sind in Wirklichkeit mutige Bewegungen in einem komplexen System, das oft auf Sicherheit und Kontrolle ausgerichtet ist. Aus der Perspektive einer Bewohnerin oder eines Bewohners zeigt sich der Erfolg nicht in Modellen oder Folien, sondern in den kleinen, alltäglichen Entscheidungen. „Darf ich heute selbst bestimmen, wann ich gehe, mit wem ich spreche, was ich ausprobiere?“ Genau an diesen unscheinbaren Momenten entscheidet sich, ob Selbstbestimmung wirklich gelebt wird oder nur als Anspruch bestehen bleibt.
Die Diskussionen machten auch die Grenzen deutlich: Offener Dialog, Peer-Evaluationen und Netzwerkkarten funktionieren nur, wenn Haltung, Mut und Bereitschaft zur Kooperation vorhanden sind. Es reicht nicht, ein Konzept aufzustellen; die Umsetzung hängt von der Haltung der Beteiligten ab. Hier zeigte sich ein Spannungsfeld: Menschenrechte, Selbstbestimmung und Teilhabe sind erklärbar und programmierbar auf Folien, aber ihre Umsetzung verlangt ständige Reflexion, Abwägung und manchmal auch den Mut, Unbequemes auszuhalten.
Besonders eindrucksvoll waren die Peer-Perspektiven. Die Einbindung von Menschen mit eigener Erfahrung ermöglicht eine andere Wahrnehmung von Qualität und Wirkung. Peer-Begleitung stärkt nicht nur die Teilnehmenden, sondern wirkt auch auf Fachkräfte: Sie werden sensibler für Machtverhältnisse, lernen, Verantwortung zu teilen und erleben, dass Entscheidungen nicht allein von der Organisation getroffen werden müssen. Gleichzeitig zeigte sich: Ohne strukturelle Absicherung, klare Rollen und kontinuierliche Reflexion droht, dass die Wirkung von Peers reduziert wird.
Als Genesungsbegleiterin bleibt für mich die zentrale Frage, wie Haltung im Alltag geschützt und gestärkt werden kann. Erfahrung wirkt nur dann, wenn sie nicht vereinnahmt, sondern ernst genommen wird – und wenn Räume bleiben, in denen auch Zweifel, Rückschritte und Unsicherheiten ausgesprochen werden dürfen.
Im Dimensionen-Coaching wurde deutlich, wie altbekannte Methoden in neuer Form Wirkung entfalten können: Zukunftsplanungsgespräche, Zieldefinition, Ressourcenorientierung – bekannte Elemente, die aber im Zusammenspiel der verschiedenen Methoden des Modells 365 Grad eine neue Qualität in der Teilhabe ermöglichen. Gleichzeitig blieb spürbar: Nicht alles lässt sich steuern, nicht jede Entscheidung passt in vorhandene Strukturen, und manchmal kollidieren Wunsch und Machbarkeit. Genau hier entsteht die echte Herausforderung – und die echte Lernchance.
Auch die systemische Perspektive auf Evaluation wurde thematisiert: NuEva erfasst Erfahrungen der Teilnehmenden direkt, sichtbar, nachvollziehbar. Die Auswertung fließt zurück in die Praxis. Hier wird sehr deutlich: Evaluation ist nicht nur Kontrolle, sondern ein Werkzeug, um Haltung, Wirksamkeit und Teilhabe zu verbinden.
Am Ende bleibt die Frage, die jede Tagung begleitet: Was bleibt, wenn der Applaus verhallt? Ich nehme mit, dass Mut, Haltung und Erfahrung, sowie eine Maß an Naivität ein Projekt anzugehen, die zentralen Faktoren sind, die den Erfolg eines Projekts wie 365 Grad ausmachen. Die Methoden selbst sind nur Werkzeuge – die Wirkung entsteht durch Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu teilen, Perspektiven ernst zu nehmen und Unsicherheit auszuhalten.
Für mich persönlich war die Tagung eine Erinnerung daran, dass Selbstbestimmung und Menschenrechte im Alltag erprobt werden müssen, dass Mut nicht immer automatisch da ist, aber immer wieder aufgerufen werden kann. Projekte wie 365 Grad zeigen, dass Veränderung möglich ist, wenn man Bestehendes klug kombiniert, Mut beweist, aus Fehlern lernt und Menschen auf Augenhöhe beteiligt – Schritt für Schritt, Tag für Tag.
Trotz aller Fortschritte zeigt sich wie anspruchsvoll es ist, diese Haltung im Alltag tatsächlich dauerhaft zu halten. Das Modell zeigt Wege auf, doch die Realität ist komplex: Nicht alle Strukturen sind flexibel genug, um alle Wünsche umzusetzen, und nicht jede Idee lässt sich kurzfristig finanzieren. Die Verbindung zu §132 SGB IX ist vielversprechend, öffnet aber gleichzeitig Diskussionen um Ressourcen, Abrechnung und Zuständigkeiten. Hier wird deutlich, dass Mut und Naivität allein nicht ausreichen; es braucht klaren politischen und organisatorischen Rückhalt, um Innovationen langfristig tragfähig zu machen.
Ein Paradigmenwechsel ist spürbar. Erfahrung ist kein Gegensatz zur Professionalität, sondern ihre Grundlage. Menschen mit eigener Erfahrung, ob als Genesungsbegleiter:innen oder Quereinsteiger:innen, bringen eine Perspektive ein, die das Projekt bereichert und neue Wege öffnet. Dass das Modell auch Quereinsteiger:innen zulässt, ist ein starkes Signal: Fachwissen allein genügt nicht, Haltung, Einfühlungsvermögen und Engagement sind mindestens genauso wichtig. Diese Diversität in den Teams zeigt, dass Weiterentwicklung nicht nur von Konzepten, sondern von Menschen abhängt, die bereit sind, Verantwortung zu teilen.
Gleichzeitig bleibt klar, dass immer noch mehr getan werden muss. Modelle wie 365 Grad sind ein Schritt, aber sie lösen nicht automatisch alle strukturellen Herausforderungen der Teilhabe. Die Offenheit des Ministeriums für neue Ideen ist ein positives Signal – doch es liegt an uns allen, diese Chancen zu nutzen, kritisch zu reflektieren und weitere Impulse einzubringen. Mut und Naivität haben den Anfang gebracht; jetzt braucht es Geduld, kritische Auseinandersetzung und Engagement und Kontinuität in der neuen Haltung, damit die Konzepte wirklich Menschenrechte und Selbstbestimmung im Alltag erlebbar machen.
Die offene Frage bleibt für mich, was passiert, wenn Ressourcen knapper werden oder Prioritäten sich verschieben: Welche Teile des Modells tragen dann weiter, und welche geraten zuerst unter Druck? An dieser Stelle zeigt sich, wie belastbar der Paradigmenwechsel tatsächlich ist – nicht in Zeiten des Aufbruchs, sondern in Phasen der Begrenzung.
Wenn ich mir am Ende einen Ausblick für die Zukunft dieser Arbeit erlauben dürfte, dann wäre es dieser: Dass Vielfalt in Teams, Perspektiven und Methoden nicht nur geduldet, sondern aktiv gefördert wird. Das Menschen unabhängig von ihrem Hintergrund oder ihrer Ausbildung, die Chance bekommen, Verantwortung zu übernehmen und Teilhabe wirklich mitzugestalten. Dass Mut, Erfahrung und Haltung Hand in Hand gehen und dass neue Modelle, Impulse und Ideen willkommen sind, ausprobiert und weiterentwickelt werden dürfen.
Mein ganz persönlichen Wunsch, fast ein Gedanke zwischen politischem Auftrag und menschlicher Hoffnung: Dass wir es schaffen, Selbstbestimmung, Menschenrechte und Teilhabe so zu verankern, dass sie nicht nur auf Papier existieren, sondern täglich erlebt werden – für jede einzelne Person, die auf Unterstützung angewiesen ist, und für jede Fachkraft, die diesen Weg mitgeht. Ein Wunsch, der die Idee von Mut, Offenheit und kritischer Reflexion verbindet und zugleich sichtbar macht, dass noch viel zu tun bleibt.
Mein Fazit:
365 Grad ist ein ermutigendes Modell, das vorhandene Ansätze klug kombiniert und Selbstbestimmung praktisch erfahrbar macht. Es hat hohes Potenzial, aber seine Wirkung hängt stark von den beteiligten Menschen, ihrer Haltung, den Ressourcen und den organisatorischen Rahmenbedingungen ab. Die Nachhaltigkeit und Tiefe des Paradigmenwechsels hängt davon ab, wie konsequent die Teams die Haltungen verinnerlichen und ob Widerstände und offene Fragen im Alltag reflektiert werden. 365 Grad ist mehr ein lernendes System als ein fertiges Produkt – es braucht kontinuierliche Begleitung, kritische Reflexion und die Bereitschaft, Erfahrungen aus der Praxis ernsthaft zurück in die Weiterentwicklung zu speisen, um sein volles Potenzial auszuschöpfen.
© Silvia Meck 22. Januar 2026




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