25 Kilometer von der US-Militärbasis Ramstein: So fühlt sich die Weltpolitik an
- Silvia Meck

- 4. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

Man stelle sich vor: Es ist ein sonniger Nachmittag, die Vögel zwitschern, und doch spürt man ein mulmiges Gefühl in der Luft. 25 Kilometer entfernt liegt eine US-Militärbasis, einst gedacht, um Schutz und Stabilität zu garantieren. Doch plötzlich wird das, was Sicherheit versprach, zu einem Symbol möglicher Bedrohung. Drohnen, Übungen, Alarmmeldungen – alles Szenarien, die man sich aus der Zukunft vorstellen muss, und die doch immer greifbarer wirken.
Wenn ich aktuell nach draußen schaue, blicke ich in eine friedliche Schneelandschaft, und es scheint die Sonne. Wenn Schnee fällt, wirkt alles immer so leise, ruhig, still und vor allem friedlich. Doch es ist ganz und gar nicht friedlich in dieser Welt.
Die Nachricht über internationale Konflikte erreicht uns in Sekunden: Drohungen, Geiselnahmen, Machtspiele von Staaten, die wie Tyrannen handeln. Viele Artikel erklären Dynamik, Ursachen und strategische Interessen – vielleicht auch politisches Versagen auf europäischer Seite – doch was macht das mit uns, die wir die Nähe zu einer militärischen Präsenz spüren?
Angst! Nicht die Angst vor dem abstrakten Bösen irgendwo auf der Welt, sondern die Angst vor dem, was direkt vor unserer Haustür passieren könnte. Militärische Aktionen wirken plötzlich greifbar. Drohungen von Staaten, die über Recht und Moral hinweg agieren, lassen uns klein und hilflos fühlen. Wir spüren die Destabilisierung der Weltpolitik als latente Bedrohung in unserem Alltag: steigende Preise, Unsicherheiten, politische Polarisierung, Diskussionen, die hitzig und oft ratlos enden.
Die Menschen hier erleben eine Form von kontinuierlichem Stress, der sich nicht in einem einzelnen Bericht über Tyrannei ausdrücken lässt. Es ist die ständige Präsenz einer Macht, die man nicht kontrollieren kann, die abstrakte globale Konflikte in die Nähe bringt.
Die Anflüge auf die Base über der Stadt, die regelmäßigen militärischen Übungen in der Region – sie sind ein täglicher Reminder, dass wir Teil eines Spiels sind, dessen Regeln wir nicht bestimmen. Wir sind es seit Jahrzehnten gewohnt, auch die steigende Häufigkeit der Flüge je nach politischer Lage.
Gibt es Wege, mit dieser steigenden Angst umzugehen? Ja, nicht durch Verdrängung, nicht durch zusätzlichen Populismus, nicht durch weitere tyrannische Akteure, die so gerne in Europa die Macht anstreben und unsere Demokratie bekämpfen, sondern durch Bewusstsein, Dialog und Empathie. Gespräche über die Auswirkungen globaler Politik auf das lokale Leben, Austausch mit Nachbarn – all das kann helfen, die lähmende Unsicherheit zu verringern. Transparenz von Militärbasen kann zusätzlich dazu beitragen, obwohl es vermutlich Situationen geben wird, in denen Deutschland nach außen hin nicht den Erwartungen einzelner politischer Akteure entspricht.
Tyrannei ist nicht nur eine Frage von Machtpolitik auf fernen Kontinenten. Sie beginnt dort, wo Menschen das Gefühl haben, ausgeliefert zu sein, ohnmächtig und hilflos. Vor Ort wird diese Angst greifbar, und genau hier müssen wir sie verstehen und ihr begegnen.
Die Frage, wann aus Sicherheit Tyrannei wird, ist berechtigt. Schutz kann unter veränderten geopolitischen Umständen selbst zum Risiko werden, denn Sicherheit und Bedrohung liegen oft dicht beieinander.
Für Menschen in der Nähe solcher Einrichtungen entsteht eine psychologische Spannung: Wir wissen um die defensive Absicht, doch die potenzielle Gefahr ist spürbar. Was passiert, wenn Machtpolitik unkontrollierbar wird und Drohungen, die weit entfernt scheinen, plötzlich unsere Lebensrealität beeinflussen? Was, wenn wieder Bomben fallen? Was, wenn wir es nicht mehr schaffen, uns rechtzeitig von den US-amerikanischen IT-Plattformen zu emanzipieren? Was, wenn wir weiter so abhängig sind von fossiler Energie aus anderen Ländern, statt den Ausbau erneuerbarer Energien voranzutreiben, um uns auch hier zu emanzipieren?
Diese Fragen verdeutlichen, dass wir die Ambivalenz von Sicherheit und Bedrohung wahrnehmen müssen, um im Alltag wie im globalen Kontext informiert und handlungsfähig zu bleiben.
Selbst bei sichtbarer militärischer Präsenz, entfaltet die Weltpolitik ihre Wirkung vor allem auf der psychologischen Ebene. Nachrichten über entfernte Krisen, Geiselnahmen, Machtkämpfe und internationale Drohungen wirken unmittelbar – sie zeigen, dass wir Teil eines größeren Spiels sind, dessen Regeln wir nicht kontrollieren. Drohnenflüge, militärische Übungen oder Alarmmeldungen vor unserer Haustür machen diese Unsicherheit greifbar und verdeutlichen, warum wir bewusst mit ihr umgehen müssen.
Resilienz – der Umgang mit Krisen
Resilienz rückt besonders ins Zentrum: Können wir mit Situationen umgehen, die nach über 80 Jahren Frieden in Europa völlig neu erscheinen? Sind wir vorbereitet auf das, was vielleicht kommt? Resilienz ist die Fähigkeit, trotz widriger Umstände handlungsfähig zu bleiben, Stress zu bewältigen und aus Krisen gestärkt hervorzugehen – sowohl individuell als auch als Gemeinschaft. Sie umfasst mentale Stärke, die Fähigkeit, sich auf veränderte Situationen einzustellen, sowie die Verantwortung füreinander in Nachbarschaften, im direkten Umfeld und auf gesellschaftlicher Ebene. Gerade angesichts zunehmender Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und gesellschaftlicher Spaltungen zeigt sich, wie wichtig diese Verantwortung ist. Resilienz bedeutet, Herausforderungen aktiv anzuerkennen und solidarisch gegenzusteuern, statt sich von Angst oder Vorurteilen leiten zu lassen.
Ein aktuelles Beispiel: In Berlin fällt der Strom für 50.000 Haushalte derzeit über mehrere Tage aus. Diese Erfahrung zeigt, dass wir noch nicht vollständig resilient sind: Der direkte Ruf nach dem Staat, Schuldzuweisungen und das mögliche Versagen politischer Akteure verdeutlichen unsere Abhängigkeit von äußeren Systemen. Wenn Systeme versagen, müssen wir lernen, uns zu organisieren, aufeinander zu achten und handlungsfähig zu bleiben. Praktische Resilienz beginnt im Alltag: Routinen reflektieren, Notfallpläne erstellen, auf Versorgungsausfälle vorbereiten, Verantwortung füreinander übernehmen, Ressourcen teilen und gemeinsame Strategien entwickeln. Sie umfasst auch den Umgang mit Abhängigkeiten von IT-Systemen und Energieversorgung – sowohl auf individueller als auch auf lokaler Ebene.
Auf individueller Ebene heißt Resilienz, mentale Stärke aufzubauen: Informationen kritisch einordnen, Medien bewusst auswählen – auch abseits der Algorithmen –, Ängste anerkennen, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen, und die Balance zwischen Wachsamkeit und Handlungsfähigkeit zu finden – nicht resignieren, aber auch nicht in Panik geraten.
Auf gesellschaftlicher Ebene bedeutet Resilienz, Abhängigkeiten von externen Systemen soweit möglich zu reduzieren, erneuerbare Energien auszubauen, globale Lieferketten kritisch zu hinterfragen, lokale Gemeinschaften zu stärken und politische Teilhabe zu fördern. Wer informiert bleibt und seine Stimme einbringt, kann die eigene Umgebung aktiv mitgestalten, statt nur zuzusehen.
Resilienz ist somit ein dynamisches Zusammenspiel von persönlicher Handlungsfähigkeit, sozialer Unterstützung und strategischem Denken. Sie befähigt uns, trotz Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben, Krisen aktiv zu bewältigen und aus ihnen zu lernen – ohne dass die Angst uns lähmt oder in destruktive Richtungen lenkt.
Entscheidend ist, ob wir rechtzeitig Strukturen schaffen, die Unsicherheit auffangen und Handlungsfähigkeit sichern, oder ob wir zulassen, dass aus latenter Angst reale Ohnmacht wird.
© Silvia Meck 04 Januar 2026




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